Oral History

Oral History als neuer Zeitgeist des Vergessens

D -Day, Tag X, tausende alliierte Truppen landen an der Küste der Normandie. Viele finden in den Salven deutscher Maschinengewehre ihren Tod. Trotzdem gelingt es, den Strand zu überwinden und die deutschen Truppen zur Aufgabe zu drängen. Nachdem die Wehrmacht zuvor schon heftige Niederlagen in der Sowjetunion und in Nordafrika erlitten hatte, beginnt nun endgültig das Ende der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft in Europa. Die Alliierten befreien in der Folge zahlreiche Konzentrationslager, Symbole der deutschen Barbarei. Im deutschen Fernsehen – zur besten Sendezeit – sieht das so aus: Da begegnen sich ein deutscher und ein damals alliierter Soldat, beide bereits im hohen Alter, an der Küste der Normandie, um Frieden zu schließen. Sie beide, so die Stimme aus dem Off, seien Opfer ungünstiger Umstände geworden. Opfer eines sinnlosen Krieges. Wem die Stimme aus dem Off gehört, bleibt hier offen. Beispielhaft für diese Szene steht aber Guido Knopp. Er könnte es gewesen sein, der die beiden ehemaligen Soldaten zusammenbrachte, nicht nur um die Geschehnisse des als D-Day in die Geschichte eingegangenen Tages aufzuarbeiten, sondern um sie zu versöhnen. Irgendetwas ist grundlegend verkehrt an dieser Darstellung.

Foto: Conseil Régional de Basse-Normandie / National Archives USA

Foto: Conseil Régional de Basse-Normandie / National Archives USA

Der Holocaust gilt heute als zentrales Element europäischer Erinnerung. Er ist allgegenwärtig als Metapher, als allzeit verfügbare rhetorische Figur, die keiner Konkretisierung bedarf. Unter dieser Oberfläche der permanenten Präsenz jedoch bröckelt die konkrete Erinnerung an Konzentrationslager, Kriegsverlauf und -schuld, die weniger werdenden Shoah-Überlebenden werden als Mahner wahrgenommen, als menschliche erhobene Zeigefinger.

Was uns in weiten Teilen Europas begegnet, ist eine Universalisierung des Gedenkens, die eine Auflösung klarer Täter/Opfer-Strukturen in Kauf nimmt, um die Möglichkeit eines kollektiven Erinnerns schaffen zu können. Besonders in Deutschland bedeutet dies eine Umdeutung des Holocaust. Nicht als Eingeständnis von Schuld oder Täterschaft, sondern als Möglichkeit, einen modernen Nationalstolz zu schaffen, der aus der „dunklen Zeit der deutschen Geschichte“ die Möglichkeit zieht, sich als „geläuterte“ Nation zu inszenieren und für sich selbst sogar eine Vorbildfunktion in Sachen Vergangenheitsbewältigung reklamiert.

Dieses Geschichtsbewusstsein, das aus der Shoah gelernt haben will und dieses Gelernte abstrahiert, um es auf einen beliebigen aktuellen Konflikt anzuwenden, verkennt in dieser Abstraktion aber bereits die Bedeutung der Shoah und relativiert sie durch den Vergleich.

Universalisierte Erinnerung, die sich an das konkret Geschehene gar nicht erinnern möchte, wird in Deutschland auch medial vermittelt. Sie manifestiert sich in der Person Guido Knopps, der bis Mitte 2013 die „Redaktion Zeitgeschichte“ beim ZDF leitete. Ein wahrlich weites Feld, könnte man meinen. Aber bei Nennung seines  Namens dauert es für gewöhnlich nicht lange, bis jemand „Hitler“ raunt. Knopp hat nämlich seit über 25 Jahren das massenmediale Deutungsmonopol über den Nationalsozialismus inne. Sein Dokumentationsstil wird immer wieder als „naiv-unkritisch“ kritisiert. Knopp setzt vor allem auf subjektive Darstellungen von Zeitzeugen, deren Perspektive menschlich wirken soll. Das Problem dieser „oral history“ ist, dass die selektive Erinnerung Einzelner nicht hinterfragt wird und es so passiert, dass sich etwa der Neonazi Friedhelm Busse nicht als solcher gekennzeichnet wird, sondern sich als gewöhnlicher Zeitzeuge zur Bombardierung Dresdens äußern darf.

Foto: By Richardfabi (Own work) [Public domain], via Wikimedia Commons

Foto: By Richardfabi (Own work) [Public domain], via Wikimedia Commons

Ohnehin zeichnet sich Knopp durch eine ausgesprochene Nähe zu rechtskonservativen Personen und Einrichtungen aus. Dabei geht er soweit, das Buch „Hitler und seine Feldherren“ von David Irving, einem der weltweit bekanntesten Holocaustleugner, in seine Liste der „50 wichtigsten Bücher über Hitler“ aufzunehmen.

Bekannt wurde Knopp in den 1990er Jahren mit den sogenannten „Hitler-Reihen“, die sich auf die Perspektive der deutschen Täter, ja vor allem der Führungselite um Hitler konzentrierten, in den letzten zehn Jahren wandte er sich endgültig den deutschen Opfern zu.

Die frühe Fixierung auf Hitler und die nationalsozialistische Führungselite blendet die Akzeptanz der Barbarei und die Mitarbeit der vielen Deutschen völlig aus. Gleichgültig, ob sie in SS, SA und Wehrmacht „gedient“ haben oder ob sie als Zivilpersonen Denunzianten, Arisierungsgewinner oder direkte Täter waren, ohne die weder die Ausgrenzung noch der expansive, industrielle Massenmord der Shoah durchführbar gewesen wäre. Die alltägliche „Konsensdiktatur“, die in der aktuellen historischen Forschung unumstritten ist, aber auf die auch schon zeitgenössische Beobachter hinwiesen, bleibt in Knopps Geschichtsdarstellung bewusst unerwähnt oder kommt nur als anonyme Masse der unschuldig verführten Opfer vor. Auf die Beleuchtung der kollektiven oder individuellen Motivation und Ausführung der Täterschaft „normaler Deutscher“ jenseits  der NS-Führungselite verzichtet Knopp.

Besonders drastisch zeigt sich dieses Geschichtsverständnis anhand der eingangs erwähnten Szene aus einer Dokumentation Knopps über die Landung der Alliierten in der Normandie. Ein deutscher und ein alliierter Soldat werden zusammengebracht. Sie wären aufgrund von Entscheidungen die sie nicht beeinflussen konnten aus ihren kleinen Welten gerissen worden, um gegeneinander ins Feld zu ziehen. Jetzt, fast 70 Jahre nachdem sich beide auf dem Schlachtfeld bekämpften, sei es an der Zeit, einander die Hand zu reichen. Als wäre es nicht der deutsche Soldat und dessen Armee gewesen, die es erforderlich machten, dass tausende alliierte Soldaten ihr Leben am Strand der Normandie und an zahlreichen anderen Schauplätzen des zweiten Weltkriegs lassen mussten. Als wäre es nicht die blinde soldatische Treue zahlreicher Wehrmachtssoldaten gewesen, auf die sich die NS-Führungsriege stets verlassen konnte, die die Ausbreitung und Aufrechterhaltung der nationalsozialistischen Tyrannei erst möglich machten. Und als wäre es nicht eben diese Treue gewesen, die es unausweichlich machte, dass der alliierte Soldat sich todesgewiss durch den Sand der Normandie kämpfen musste. Beide Soldaten sind für Knopp Opfer. Kein Wort von der nationalsozialistischen Rassenideologie, von den Konzentrationslagern, von den Verbrechen der Wehrmacht.

Auch der dreiteilige Fernsehfilm „Unsere Mütter, unsere Väter“, der in den deutschen Medien durchweg großes Lob erfuhr, schlägt in diese Kerbe. Internationale Medien kritisierten die beherrschenden deutschen Opferrollen dagegen unter anderem als „fünfstündiges Selbstmitleid“. Diese Darstellung, in der alle, unabhängig ihrer Funktion als Soldat oder Zivilpersonen, vor allem aber auch unabhängig ihrer Nationalität, mit ihrem Schicksal zu kämpfen haben und niemand so richtig schuld ist, verwischt jedoch die Fakten und sorgt stattdessen für eine Art Wohlfühlgeschichte, die Interpretationsspielraum bietet für Geschichtsrevisionismus und relativierenden Thesen die Tür öffnet.

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